Parteigeschichte
Die Gründung der CDU in Brandenburg

In der Geschichte der CDU fällt auf, dass es ein zentrales Gründungsereignis nicht gibt. Überall in Deutschland – so auch in Brandenburg – hat sich die CDU lokal und regional von der Basis her gegründet.

Bereits sieben Wochen nach Kriegsende – am 26. Juni 1945 – veröffentlichte der Gründerkreis der Christlich Demokratischen Union Deutschlands in der Hauptstadt Berlin unter Andreas Hermes den Aufruf „Deutsches Volk!“ zur Sammlung christlicher, sozialer und demokratischer Kräfte und prägte den Namen CDU. Fortan fanden sich immer mehr Männer und Frauen, die gemeinsam mit vielen anderen CDU-Ortsgruppen und CDU-Stützpunkte in Stadt und Land gründeten.

Zwei Daten sind aus Sicht der märkischen Union dabei besonders hervorzuheben: Die Gründung der ersten CDU-Ortsgruppe im Land Brandenburg in der Gemeinde Kleinmachnow am 23. Juni 1945 und die Gründung des Landesverbandes in Potsdam am 16. Oktober 1945, dessen erster Vorsitzender Wilhelm Wolf wurde.

Um die Aufbauleistung der Gründungsväter und -mütter der CDU ermessen zu können, muss man sich vor Augen halten, in welchem Zustand Brandenburg nach dem zweiten Weltkrieg war.

In Brandenburg herrschten 1945 katastrophale Zustände und eine Atmosphäre der Angst und Unsicherheit. Es gab hunderttausende Flüchtlinge, Vertriebene und Heimatlose. Von 425.000 Wohnungen waren im Krieg 190.000 zerstört worden, davon 50.000 total. Die Städte Prenzlau waren zu 86 Prozent, Frankfurt/Oder zu 65 Prozent, Guben und Rathenow zu jeweils 60 Prozent und Wriezen im Oderbruch sogar zu 90 Prozent zerstört. Von rund 2.000 Schulen war die Hälfte unbenutzbar. Die meisten Orte waren ohne Leitungswasser, ohne Strom und Gas. Die Oderdeiche brachen als Folge der Bunkerbauten an vielen Stellen, das Wasser überflutete weite Teile des Ackerlandes, das zudem vermint war. Von den vor dem Krieg gezählten 43.000 Stück Rindvieh lebten noch 400.

In dieser Zeit gingen überall in Brandenburg Bürgerinnen und Bürger beherzt an den demokratischen Neuanfang und gründeten die Christlich Demokratische Union. Unter ihnen: Wilhelm und Erika Wolf, Ottmar Fessler, Otto Stegemann, Karl Grobbel, Hubertus Graf von Schmettau, Erwin Köhler, Peter Bloch, Ludwig Baues und viele andere, die dabei engen Kontakt zum Berliner CDU-Gründerkreis um Andreas Hermes, Walther Schreiber, Ernst Lemmer und Jakob Kaiser hielten.

Als Wilhelm und Erika Wolf von der Gründungsversammlung der Christlich Demokratischen Union Deutschlands im Berliner Theater am Schiffbauerdamm hörten, machen sie sich mit dem Fahrrad von Potsdam aus auf den über 35 Kilometer langen Weg nach Berlin. Nach der beeindruckenden Rede von Andreas Hermes, mit dem Wilhelm und Erika Wolf eine lebenslange Freundschaft verband, gab es für sie sprichwörtlich „kein Halten mehr“. In die Trümmerlandschaft des zerstörten Potsdams zurückgekehrt, suchten sie den Kontakt zu Gleichgesinnten. Selten traf man sie in jener Zeit zu Hause an – und wenn, dann gab sich im Hause der Familie Wolf politische Prominenz „die Klinke in die Hand“. Wilhelm und Erika Wolf waren draußen bei den Menschen, wo sie mit glühenden Herzen für ihre politischen Ideen und Überzeugungen warben.

Peter Bloch schildert in seinen Lebenserinnerungen eindrucksvoll, wie die Werbung neuer CDU-Mitglieder damals vonstatten ging: „Wir beschlossen, im Kreise Teltow neue Ortsgruppen der CDU zu gründen. Ich muss noch einmal die damalige Verkehrssituation in Erinnerung rufen: keine Eisenbahn, keine Autobusse, kaum Fahrräder. Kein Telefon, keine Post. – Eines unserer Mitglieder, ein Holz- und Kohlenhändler namens Schackla, hatte sein Auto in der Nazizeit nicht abgeliefert, wie es Vorschrift war, sondern in seiner Scheune versteckt. Nun holte er es hervor, Benzin hatte er auch noch – und auf ging’s! Wir waren dreizehn wagemutige CDU-Mitglieder, die sich an einem Sonntagmorgen bei Schackla versammelten. Jeder hatte seinen Handwagen mitgebracht. Wir banden den ersten Handwagen mit Strippe an die hintere Stoßstange des Autos, dann den zweiten Handwagen an den ersten und so fort. Schließlich setzte sich das Schacklasche Auto langsam in Bewegung und zog dreizehn Handwagen hinter sich her, und in jedem Handwagen hockte ein CDU-Mann. So fuhren wir über Land. Im ersten Dorf koppelten wir den letzten Wagen ab, im nächsten den zweitletzten – bis wir dreizehn Dörfer mit CDU-Werbern versorgt hatten. Dann fuhr Schackla einen großen Bogen und sammelte alle wieder ein.“

Die CDU Brandenburg nahm – trotz der bereits 1945 einsetzenden massiven Behinderungen und Repressalien durch die sowjetische Besatzungsmacht – eine rasante Entwicklung. So stieg die Zahl der Mitglieder von 4.900 (Dezember 1945) innerhalb eines Jahres auf 24.424 (Dezember 1946) an. Gab es im Januar 1946 in Brandenburg 166 Ortsgruppen und Stützpunkte, waren es im Dezember 1946 bereits weit über 600.

Dies alles zeigt, mit welchem Tatendrang und welchem Engagement die Gründung der CDU im Land Brandenburg als eine völlig neue Partei vorangetrieben wurde.