Parteigeschichte
Zwischen Widerstand und Gleichschaltung - Die CDU in der DDR

Es gehört zur Tragik der deutschen Nachkriegsgeschichte, dass Deutschland geteilt wurde und die Menschen im Osten Deutschlands erneut der Diktatur eines totalitären Systems unterworfen wurden.

Von aufrechten Frauen und Männern gegründet, geriet die CDU in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR zunehmend in das Mahlwerk des totalitären Regimes. An die Stelle demokratischer Prinzipien traten die Mechanismen des sozialistischen Zentralismus. Vielen Menschen, die den christlich-demokratischen Werten nahe standen, war so der Weg zur Mitarbeit versperrt. Andere blieben trotz innerer Zweifel in der Partei.

Trotz Benachteiligungen und persönlicher Risiken haben viele Mitglieder ihre innere Unabhängigkeit bewahrt. Sie konnten jedoch nicht verhindern, dass Bequemlichkeit und Opportunismus bis hin zur persönlichen Skrupellosigkeit einzelner das Bild der Partei prägten. In Leitungsfunktionen gelangten nur noch SED-genehme Politiker. Die Partei geriet innerhalb weniger Jahre immer mehr in den Einfluss der SED.

Insbesondere 1950 war eines der furchtbarsten und blutigsten Jahre für die CDU Brandenburg. Durch Verhaftungen, Vertreibungen und Mord wurde fast die gesamte Führungsmannschaft der CDU politisch und physisch liquidiert.

Erinnert sei an die Ermordung des Vorsitzenden der Potsdamer CDU-Stadtfraktion und des Rechts- und Verfassungsausschusses im Landtag Brandenburg, Frank Schleusener, der im März 1950 von Mitarbeitern der sowjetischen Geheimpolizei und der Staatssicherheit verhaftet und nach schweren Folterungen, eingesperrt in einer ungeheizten Zelle in der Potsdamer Lindenstraße, nackt und angekettet, erfror.

Der Potsdamer CDU-Bürgermeister und Kreisvorsitzende Erwin Köhler wurde am 28. März 1950 verhaftet, den Sowjets übergeben, zum Tode verurteilt und 1951 hingerichtet. Der damaligen „Säuberungswelle“ in der Potsdamer und brandenburgischen CDU fielen auch Köhlers Ehefrau Charlotte und der Vorsitzende der CDU Potsdam-Stadtmitte, Ludwig Baues, zum Opfer.

Andere erhielten hohe Freiheitsstrafen. Eine Vielzahl konnte sich der Gefahr nur durch Flucht in den Westen entziehen. Bis zum 21. März 1950 wurden 53 Funktionäre aus der brandenburgischen CDU ausgeschlossen oder ihrer Funktion enthoben oder kamen dem durch eigene Schritte zuvor.

Zur Geschichte der CDU gehört leider auch, dass es Personen, wie den späteren Landesvorsitzenden Hermann Gerigk gab, der nicht nur im Fall Köhler eine sehr dubiose Rolle gespielt hat und 1952 sämtlicher Ämter enthoben wurde. Die Mitgliedschaft der CDU wurde durch die Repressionsmaßnahmen Ende der 40er/Anfang der 50er Jahre schwer eingeschüchtert. Um so mehr wiegt die Standhaftigkeit vieler aufrechter und ehrlicher Christdemokraten, wie sie Wilhelm Wolf zum Ausdruck gebracht hat: „Wenn wir alle gehen, ist Deutschland geteilt. Wir bleiben, so lange es geht.“

Bis zum Oktober 1950 verlor die CDU in der SBZ/DDR rund 25 Prozent ihrer Mitglieder. Von den 35 Unterzeichnern des Berliner Gründungsaufrufes „Deutsches Volk!“ waren Mitte 1950 nur noch zwei in der DDR.

Am 1. August 1952 wurden alle CDU-Landesverbände von der DDR-Regierung aufgelöst und Bezirksverbände installiert.

Die Konsequenz all dieser Prozesse war die „vorbehaltlose“ Anerkennung des SED-Führungsanspruches beim 6. Parteitag der DDR-CDU im Oktober 1952 in Berlin. Die CDU war damit zu einer „gleichgeschalteten“ Partei geworden.

Dennoch muss hier deutlich zwischen den Funktionseliten der Partei auf der einen Seite und der Mitgliedschaft auf der anderen Seite differenziert werden. Zudem müssen auch verschiedene Phasen in der Geschichte der DDR-CDU unterschieden werden.

An neuralgischen Punkten der DDR-Geschichte wie zum Beispiel beim Volksaufstand am 17. Juni 1953, dem Mauerbau 1961, beim sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei 1968 oder bei der Verhängung des Kriegsrechtes in Polen 1981 wurde die Kritik aus der Mitgliedschaft besonders virulent. In einem SED-Bericht zu den Ereignissen vom 17. Juni 1953 wurde die CDU als die Partei bezeichnet, in der am stärksten der Feind arbeitet.

Von der Mitte der 50er Jahre bis 1961 verlor die DDR-CDU durch „Republikflucht“ – die ja eine massive Form der Kritik am System war – im Durchschnitt 2.000 Mitglieder pro Jahr.

Obwohl in den folgenden Jahrzehnten das offizielle Gesicht der DDRCDU geprägt war von den angepassten Funktionären der Götting-Riege, ist es nie gelungen, die gesamte Mitgliedschaft auf eine SED-treue Linie einzuschwören. Bis zur Wende 1989 hielt sich in der CDU ein verdecktes oppositionelles Potenzial.