Parteigeschichte
Wendezeit und demokratischer Neubeginn 1989/90

Trotz enormer Benachteiligungen und persönlicher Risiken haben viele Mitglieder ihre christlichen Überzeugungen und ihre innere Unabhängigkeit in der DDR bewahrt. Für viele war die CDU eine Nische, ein Hort und ein Fluchtpunkt vor der SED. Vor allem kirchlich engagierte CDU-Mitglieder orientierten sich immer mehr an den Vorgaben der Synoden der Evangelischen Landeskirchen als an den Plattitüden einer SED-hörigen Parteiführung.

Der „Neuenhagener Brief“ der CDU-Ortsgruppe Neuenhagen vom 20. Juni 1988 – seine Hauptverfasserin war Frau Dr. Else Ackermann – steht beispielhaft für den ungebrochenen Willen der Parteibasis nach Freiheit, Demokratie und gegen staatliche Willkür. Dieser Brief an den Chef der Ost- CDU Gerald Götting griff alle wesentlichen Kritikpunkte schonungslos auf. Dieses mutige Reformschreiben hat die friedliche Revolution in der DDR mit befördert.

Else Ackermann erinnert sich: „Im Frühjahr 1988 machte Herr Bernd Fleischer den Vorschlag, an den Vorsitzenden der CDU, Gerald Götting, einen Brief zu schreiben und ihm die Zustände an der Basis, besonders aber die Sorgen und Nöte der Mitglieder zu schildern. Die Zeit schien gekommen, aus der Deckung zu gehen und die Muskeln der CDU an der Basis spielen zu lassen. Ich machte mich an die Arbeit und verfasste einen langen Brief an den Parteivorsitzenden im Namen der Mitglieder des Ortsverbandes Neuenhagen, in dem ich ihm schonungslos den Verfall der DDR beschrieb und für die CDU ein selbstbewussteres Gesicht forderte. Damit hatte ich im Namen der Ortsgruppe die Streitaxt in die CDU geworfen und die verordnete Demutshaltung der CDU gegenüber der SED in Frage gestellt. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass auch die Meinung des Vorstandes der CDU-Ortsgruppe keineswegs einhellig zustimmend zum Inhalt dieses Briefes war. Zweifelsohne war dieser mehr eine Abrechnung mit dem System als ein unterwürfiger Angebotskatalog von Verbesserungen an den CDU-Hauptvorstand. Der Kreis der Eingeweihten wurde immer kleiner, die Entschlossenheit des harten Kerns dagegen immer größer. Wir wussten um die Gefahren, die uns drohten, hofften aber, dass der Rachefeldzug der Oberen an uns vorbeigehen würde. (…)“

Dass die demokratische Erneuerung der Ost-CDU 1989/1990 innerhalb weniger Wochen und Monate vonstatten gehen konnte, weist auch darauf hin, dass an der Basis der Partei christlich-demokratische Ursprungsideale lebendig geblieben waren.

Unter dem Druck der Reformer trat der seit 1966 in der DDR amtierende Parteichef Götting am 2. November 1989 zurück. Schon am nächsten Tag verlangte die CDU-Fraktion die sofortige Einberufung der Volkskammer. Sie forderte die DDR-Regierung auf, die Vertrauensfrage zu stellen, ein neues Wahlgesetz auszuarbeiten und die Kommunalwahlen vom Mai 1989 zu wiederholen. Noch im November strich die CDU aus ihrer Satzung die Anerkennung der führenden Rolle der SED und forderte die Auflösung des „Zentralen Demokratischen Blocks“, aus dem sie am 4. Dezember per Vorstandsbeschluss austrat.

Beim Sonderparteitag der Ost-CDU am 15./16. Dezember 1989 in Berlin präsentierte sich eine personell, organisatorisch und programmatisch erneuerte Partei. Die meisten der knapp 800 Delegierten waren in Urwählerversammlungen in den Ortsgruppen und Kreisen demokratisch gewählt worden. Sie bestätigten den im November vom Hauptvorstand zum Parteivorsitzenden bestellten Lothar de Maizière eindrucksvoll im Amt. Der Parteitag bekannte die Mitschuld der Ost-CDU an den Deformationen und Fehlentwicklungen in der DDR, vollzog die Abkehr vom Sozialismus und sprach sich für innerparteiliche und staatliche Demokratie, für die Soziale Marktwirtschaft und für die Einheit der deutschen Nation aus.

Wie andernorts kam es auch in den CDU-Bezirksverbänden Potsdam, Frankfurt/Oder und Cottbus zu einer Aktivierung zahlreicher Mitglieder in den Ortsverbänden, die ihre Aufgabe bis dahin weitgehend in der Pflege eher unpolitischer Formen des Zusammenhalts gesehen hatten.

Am 3. März 1990 kam es in Potsdam zur Wiedergründung des CDU-Landesverbandes Brandenburg. Zum Vorsitzenden wurde der Kulturpolitiker Herbert Schirmer gewählt.

Aus den ersten freien Volkskammerwahlen am 18. März 1990 ging die CDU zusammen mit dem Demokratischen Aufbruch (DA) und der Deutschen Sozialen Union (DSU) im Wahlbündnis „Allianz für Deutschland“ mit 40,8 Prozent der Stimmen als stärkste Partei hervor.

In Brandenburg erreichte sie 33,6 Prozent und wurde auch hier stärkste Kraft. Auf dem 38. CDU-Bundesparteitag am 1./2. Oktober 1990 in Hamburg wurde der CDU-Landesverband Brandenburg – wie alle anderen wiedererrichteten ostdeutschen Landesverbände auch – Teil der Christlich Demokratischen Union Deutschlands und dieser Parteitag damit zum ersten der gesamtdeutschen CDU.