Parteigeschichte

Wirken und Tod des Landesvorsitzenden Dr. Wilhelm Wolf

Als am 16. Oktober 1945 der CDU-Landesverband Brandenburg in Potsdam gegründet wurde, war Dr. Wilhelm Wolf einer der Protagonisten. Am 14. Mai 1948 starb er unter ungeklärten Umständen bei einem Verkehrsunfall außerhalb von Berlin.Obwohl die Christdemokraten in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) durch den Machtanspruch der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) und der SED in ihrer Existenz bedroht wurden, trat Wolf in jener wechselvollen Zeit standhaft für seine Überzeugungen ein.
 
Der Weg von Wilhelm Wolf zu einem der Gründungsväter der CDU Brandenburg war keineswegs vorgezeichnet. 1899 in Styrum nahe Mühlheim an der Ruhr geboren, wuchs Wolf im westfälischen Hamm auf. Nach seinem Schulabschluss studierte er Nationalökonomie und promovierte. 1935 ging er nach Treuenbrietzen (heute Landkreis Potsdam-Mittelmark), wo er die Geschäftsführung der Kreishandwerkerschaft übernahm. Hier lernte er auch seine Frau Erika Engel kennen, die als junge Juristin ein Referendariat in der brandenburgischen Kleinstadt absolvierte. 1938 folgte die Heirat und zwischen 1939 und 1944 wurden die Kinder Maria, Christian, Andreas und Hans-Christoph geboren. Seit 1938 wohnte die Familie in Potsdam. Wilhelm Wolf leitete zu dieser Zeit eine Textilgroßhandlung am Hausvogteiplatz in Berlin. Während des Zweiten Weltkrieges unterhielt er einzelne Kontakt zu Kreisen der Opposition gegen den NS-Staat.
 
Seine politische Laufbahn begann Wilhelm Wolf erst nach 1945. Inspiriert von der Gründungsversammlung der Christlich Demokratischen Union Deutschlands am 26. Juni 1945 in Berlin, begannen das Ehepaar Wolf sich politisch zu engagieren. Bereits wenige Tage später, am 11. Juli, wirke Wilhelm Wolf als vorläufiges Ortsvorstandsmitglied an der Gründung der CDU-Ortsgruppe Babelsberg mit. Im Oktober wurde Wolf dann auf dem Gründungsparteitag der CDU Brandenburg zum ersten Landesvorsitzenden gewählt. Auf den Parteitagen 1946, 1947 und 1948 wurde er jeweils im Amt bestätigt. Außerdem zog Wolf nach der Landtagswahl am 20. Oktober 1946 als Abgeordneter in den brandenburgischen Landtag ein und wurde dessen Vizepräsident. 
 
Ungeachtet erheblicher Behinderungen durch die SMAD konnte die Ost-CDU in den ersten Jahren beachtliche Erfolge erzielen. Bis Ende 1947 traten über 218.000 Personen in die Ost-CDU ein, die zur zweitstärksten Partei nach der SED in der SBZ wurde. Bei den Land- und Kreistagswahlen 1946 erhielt die Ost-CDU rund ein Viertel der Wählerstimmen. Das Bestreben der Christdemokraten, ihre Eigenständigkeit zu wahren, wurde aber immer schwieriger. Auf dem „Parteitag des Widerstandes“ im September 1947 bekam der Parteivorsitzende Jakob Kaiser großen Zuspruch für seine Forderung, den von den Sowjets abgelehnten Marshall-Plan zu befürworten. Dadurch vertiefte sich jedoch der Gegensatz zwischen SMAD und Ost-CDU.
 
Der äußere Druck und die Einflussnahme der sowjetischen Besatzungsmacht führte auch zu inneren Spannungen bei den Christdemokraten: Wolf sah sich – ebenso wie die anderen Landesvorsitzenden der CDU in der SBZ – einerseits mit den Forderungen und der Kritik der CDU-Basis konfrontiert, andererseits musste er sich der ständigen Einmischung durch die SMAD erwehren. Wolf wurde von der sowjetischen Besatzungsmacht ohnehin kritisch beobachtet, hatte er doch wiederholt aufbegehrt, sei es gegen rechtswidrige Enteignungen oder gegen die strikte Trennung der CDU in den westlichen Besatzungszonen von der Ost-CDU in der SBZ. Außerdem war Wolf ein bekennender Unterstützer von Jakob Kaiser („Kaiser-Gruppe“).
 
Nach dem Scheitern der Londoner Außenministerkonferenz im Dezember 1947 war die Ostintegration der SBZ nunmehr das vorrangige Ziel Moskaus. Als Konsequenz wurden alle Parteien und deren Anhänger in der SBZ, die sich gegen die sowjetische Vorherrschaft stellten, als politischer Faktor systematisch ausgeschaltet – so auch die „Kaiser-Gruppe“. Ende Dezember wurden Jakob Kaiser und Ernst Lemmer, die beiden Vorsitzenden der Ost-CDU, von der SMAD abgesetzt – damit begann die Zerschlagung der CDU in der SBZ. Viele Parteimitglieder wurden in der Folgezeit persönlich bedroht. Auf Wilhelm Wolf wurde ebenfalls großer Druck ausgeübt, er und seine Frau mussten zahlreiche Verhöre über sich ergehen lassen. Die Bandbreite der sowjetischen Repressionen reichte von Drohungen und Verhören bis hin zu Verhaftung und Mord.
 
Beim Landesparteitag der CDU Brandenburg vom 7. bis 9. Mai 1948 war eine offene Kritik an dem von der SED organisierten Volkskongress (aus dem später die Volkskammer hervorging, das Parlament der DDR) kaum mehr möglich – zu eingeschüchtert waren viele Delegierte. Ein umso bedeutenderes Signal ging von der Wiederwahl von Wilhelm Wolf als Landesvorsitzenden mit 121 von 134 Stimmen aus: Wolf stand dem Volkskongress kritisch gegenüber und überzeugte auf dem Parteitag zudem mit einer kämpferischen Rede, in welcher er unter anderem die Einhaltung von Grundrechten in der SBZ energisch einforderte, sich für eine Aufrechterhaltung der Beziehungen zwischen Ost- und West-CDU – und damit verbunden die Einheit Deutschlands – aussprach und das Totalitätsstreben der SED anprangerte.
Wenige Tage später, am Abend des 14. Mai 1948, prallte Wolfs Wagen auf der Rückfahrt von einer politischen Veranstaltung in Berlin auf der Avus (heue Autobahn 115) in einer unübersichtlichen Kurve nahe dem Bahnhof Grunewald gegen eine Betonwand. Der Chauffeur überlebte und gab später an, vom Scheinwerfer eines anderen Fahrzeuges geblendet worden zu sein. Ob dies die tatsächliche Unfallursache war, konnte nie geklärt werden, bis heute steht aber der Verdacht im Raum, Wolf könnte einem politischen Mord zum Opfer gefallen sein. Wenngleich die Hintergründe womöglich für immer ein Rätsel der Geschichte bleiben werden, so ist doch bereits die Tatsache, dass viele Zeitzeugen eine Ermordung Wolfs für möglich oder gar wahrscheinlich gehalten haben, vielsagend hinsichtlich des seinerzeit vorherrschenden Klimas aus Angst, Misstrauen und – politischer sowie zunehmend persönlicher – Unfreiheit. 
 
Erika Wolf blieb nach dem Tod ihres Mannes weiterhin politisch aktiv, bevor sie sich Mitte des Jahres 1950 dazu gezwungen sah, zusammen mit ihren Kindern nach West-Berlin zu fliehen. In der Bundesrepublik engagierte sie sich vielfältig, unter anderem gehörte sie von 1965 bis 1976 dem Deutschen Bundestag als Abgeordnete an. 1994 kehrte sie nach Potsdam zurück. Bereits seit 1989 unterstützte sie den Aufbau einer neuen CDU, insbesondere in Brandenburg. Von 1995 bis zu ihrem Tod im Februar 2003 war Dr. Erika Wolf Ehrenvorsitzende der CDU Brandenburg.
 
Es ist Frauen und Männern wie Wilhelm und Erika Wolf zu verdanken, dass die CDU Brandenburg nach der friedlichen Revolution von 1989/90 an Elemente einer demokratisch-freiheitlichen Tradition anknüpfen konnte. Wilhelm Wolf kommt hierbei als erstem Landesvorsitzenden eine besondere Bedeutung zu. Ungeachtet persönlicher Risiken und Nachteile ließ er sich nicht von seinen Überzeugungen abbringen, sondern stand für diese ein. Dieses politische Erbe gilt es in Erinnerung zu behalten und fortzuführen.

Im Nachruf auf Wilhelm Wolf vom 18. Mai 1948 heißt es: „Von glühendem Nationalgefühl beseelt, gehörte Dr. Wilhelm Wolf mit Herz und Hand und aus tiefer Überzeugung dem unbedingt fortschrittlich gesinnten Teil unseres Volkes an. Vor allem war aber Dr. Wolf als Christ und Demokrat ein leidenschaftlicher Vorkämpfer für die geistige Aufrechterhaltung und politische Wiederherstellung eines einheitlichen deutschen Staates. Seine stets konziliante, dabei entschiedene und grundsatztreue Haltung zeigte ein klares und bestimmtes Profil, das für die Politik der Union in Brandenburg charakteristisch geworden ist.“ (Quelle u.a.: Dr. Wieland Niekisch: Aus der Geschichte der Potsdamer CDU, in: CDU-Sichtachse)
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